Interview Leopold Kanzler

Tiere fotografieren ist für mich wie Meditation

Ein Ziesel steht aufrecht neben einer Mohnblume. Es hält den Stängel wie einen großen Sonnenschirm in einen Pfote und streckt seine andere zur roten Blüte des Mohns empor.
© Leopold Kanzler/www.fotopirsch.at
Ziesel und Mohnblume

Fuchs, Biber, Feldhamster und Ziesel in Wien haben eines gemeinsam: Sie lassen sich von Leopold Kanzler aus nächster Nähe fotografieren.  

Wann haben Sie damit begonnen, Tiere zu fotografieren?

Leopold Kanzler: Vor etwa 10 Jahren. Damals sind Digitalkameras erschwinglich geworden. Ich wohne am Stadtrand von Wien und bin dort auf Motivsuche gegangen. Tiere haben mich schon immer interessiert. Meine ersten Modelle waren Hasen und Rehe.

Sie nennen Ihre professionelle Fotografie noch immer ein Hobby. Wieviel Zeit verbringen Sie damit?

Leopold Kanzler: Soviel wie möglich ist. Oft lege ich mich jeden Abend für ein paar Stunden mit der Kamera auf der Lauer. So lasse ich den Alltagsstress hinter mir. Mein Handy hab ich auf lautlos gestellt oder wenn ich es läuten lasse, verwende ich einen Nachtigall-Gesang als Klingelton. Das stört die Tiere nicht.  

Wie reagieren Menschen auf Sie?

Leopold Kanzler: Viele Spaziergänger entdecken mich gar nicht, wenn sie an mir vorbeigehen. Nur wenn Liebespärchen dabei sind, gebe ich mich schnell zu erkennen.

Zwei junge Füchse vor ihrem Bau: Der eine leckt dem anderen übers Ohr.
© Leopold Kanzler/ www.fotopirsch.at Junge Füchse

Welche Eigenschaft ist bei der Tierfotografie besonders wichtig?

Leopold Kanzler: Geduld. Ich bleibe stundenlang an einer Stelle und verharre regungslos. Hektische Bewegungen sind nicht angebracht. Die Tiere sehen mich schon lange bevor ich  sie sehe. Bei Säugetieren ist eine Geruchstarnung erforderlich. Dazu verwende ich ein Waschmittel aus Amerika. Es verhindert, dass der menschliche Geruch in der Kleidung bleibt.

Die Gelsen sind meine ständigen Begleiter. Sie stören mich nicht mehr. Ich kann sie nicht mit Sprays vertreiben. Das würden die anderen Tiere riechen. Mittlerweile bin ich gegen Stiche immun.

Ein Feldhamster sitzt auf zwei Beinen und frisst an den Stängeln des Spitzvegerichs. Dabei ist seine rosa Zunge zu sehen.
© Leopold Kanzler www.fotopirsch.at Ein Feldhamster nascht am Spitzwegerich.

Die Tiere auf Ihren Fotografien haben eine ganz besondere Ausstrahlung. Verraten Sie uns das Geheimnis?

Leopold Kanzler: Es gibt zwei Möglichkeiten: Suche ich die Nähe des Tieres oder akzeptiert das Tier meine Nähe. Es soll sich angstfrei vor der Kamera bewegen. Das sieht man auf meinen Bildern und darauf bin ich stolz.

Ein Biber taucht aus dem Wasser auf und hält sich mit den Vorderpfoten an den Zweigen einer Trauerweide fest. Sein Schwanz, genannt Kelle schaut dabei wie ein Paddel aus dem Wasser heraus.
© Leopold Kanzler www.fotopirsch.at Biber

Was können die Bilder bewirken?

Leopold Kanzler: Ich möchte die Schönheit der heimische Wildtiere zeigen und damit zu ihrem Schutz beitragen. Deshalb sind ein paar meiner Biberfotos im Unterrichtsheft „Tierprofi-Toleranz“ vom Verein "Tierschutz macht Schule" zu sehen. Buchverlage und Tageszeitungen können meine Bilder käuflich erwerben.

Wo sehen Sie die Grenzen der Tierfotografie?

Leopold Kanzler: Das Wichtigste ist die Einstellung: Kein Bild um jeden Preis. Das Tier darf nicht aufgescheucht oder beunruhigt werden, denn das sieht man. Beim Nest fotografieren kommt für mich nicht in Frage. Ich möchte die Tiere, die ich über lange Zeit beobachte, nicht vermenschlichen. Ich möchte sie als wilde Tiere respektieren. Deshalb gebe ich ihnen keine Namen.

Welches Erlebnis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Leopold Kanzler: Das Schönste war, als eine Biberfamilie mich nach fünf Jahren Beobachtungszeit akzeptiert hat. Das Vertrauen der Biber hat mich sehr geehrt. Ab diesen Zeitpunkt konnte ich ihr Familienleben aus nächster Nähe beobachten. Ich habe auch miterlebt, wie schließlich das Biberweibchen, von einem neuen mit Bissen vertrieben worden ist. Das war traurig, aber so ist die Natur. Da darf ich nicht eingreifen.

Ein Feldhase sitzt am Wegesrand und knabbert seelenruhig an den Ähren von Gräsern. Eines seiner langen Ohren hängt herab, das andere steht in die Höhe.
© Leopold Kanzler www.fotopirsch.at
Feldhase

Welchen Ort in Wien würden Sie zur Tierbeobachtung empfehlen?

Leopold Kanzler: Zum Beispiel den Zentralfriedhof.  Dort sind Rehe, Hasen und Feldhamster unterwegs. Ein schnelles Selfie mit einem Nagetier wird auch dort nicht möglich sein. Die Beobachtungen sind anstrengend und zeitintensiv.  

Leopold Kanzler sitzt entspannt im Gras. Er trägt ein T-Shirt und eine kurze Hose. In seiner Hand hält er eine Möhre. Ein Biber hat sich wenige Zentimeter vor ihm ganz neugierig auf zwei Beine hinstellt und schaut auf die Möhre. Nach fünf Jahren Beobachtungszeit ist es Leopold Kanzler gelungen, das Vertrauen einer Biberfamilie zu gewinnen.
© Leopold Kanzler www.fotopirsch.at
Nach fünf Jahren Beobachtungszeit hat Leopold Kanzler das Vertrauen der Biber gewonnen.

Hat die Tierfotografie Ihr Leben verändert?

Leopold Kanzler: Ja. Sie ist eine Art Ausgleich, eine schöne Form der Meditation. Das ist eine wundervolle Entspannung nach meinem Arbeitstag als Techniker im Verkehrsministerium.

Vielen Dank für das Interview!

Im neuen Unterrichtsheft Tierprofi-Toleranz sind wunderschöne Biber-Fotos von ihm zu sehen.

Website von Leopold Kanzler: www.fotopirsch.at

Mag. Daniela Lipka vom Verein Tierschutz macht Schule hat den Tierfotografen zum Interview getroffen.

Daniela Lipka
Daniela Lipka