Interview mit Dr. Claudia Schmied-Wagner über die Bedürfnisse von Meerschweinchen und Kaninchen

Dr. Claudia Schmied-Wagner

Das Gespräch mit Dr. Claudia Schmied-Wagner von der Fachstelle für tiergerechte Tierhaltung und Tierschutz führte Mag. Daniela Lipka vom Verein "Tierschutz macht Schule".

Sie sind Spezialistin für Kaninchen und Meerschweinchen. Haben Sie den Eindruck, dass TierhalterInnen die Bedürfnisse von Kleintieren weniger beachten als jene von Hund und Katze?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Kaninchen und Meerschweinchen gelten leider immer noch als die optimalen „Einsteigertiere“ für Kinder. Jedoch sind diese Fluchttiere nicht die passenden Streicheltiere - sie erschrecken z.B. sehr leicht, wenn sich eine Hand/Person von oben nähert, weil sie das an einen Fressfeind erinnert. Deshalb sollte der Kaninchen- oder Meerschweinchenkäfig auch nicht am Fussboden platziert werden.

Welche Fehler werden bei der Kaninchen-Haltung häufig gemacht?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Kaninchenkäfige sind häufig zu klein und nicht ausreichend strukturiert. Die Tiere wollen nagen, sich bewegen und sich verstecken. Kaninchen und Meerschweinchen dürfen nicht zusammen in einem Gehege gehalten werden, denn ihre Körpersprache ist zu verschieden. Kaninchen als reine Pflanzenfresser werden auch häufig falsch ernährt.

Kaninchen Foto: © Daniel Zupanc

Wie schaut die optimale Haltung von Kaninchen aus?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Das Grundfutter von Kaninchen ist gutes Heu, welches durch einen Teil Frisch-/Saftfutter und nur einen minimalen Anteil an Körner-/Trockenfutter ergänzt wird.

Optimal ist für diese sozialen Tiere eine gemeinsame Haltung mit Artgenossen in einem großen Gehege mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, z.B. Holzhäuschen oder Weidentunnel. Optimal ist, wenn das Häuschen zwei Eingänge hat, damit der Weg nicht durch ein dominantes Tier versperrt werden kann. Das Häuschen soll auch ein flaches Dach haben, denn Kaninchen ruhen gerne auf erhöhten Flächen, weil sie dort einen guten Überblick haben. Kaninchen möchten in der Erde buddeln, deshalb ist ein Freigehege am besten für sie. 

Wie kann man das Leben von Kaninchen verbessern, wenn sie in einer Wohnung gehalten werden?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Genügend Platz ist auch in der Wohnung entscheidend, d.h. man sollte ein Gehege mit Auslauf anbieten. In der Wohnung kann man Kaninchen eine Buddelkiste zum Graben anbieten. Diese kann man zum Beispiel aus einer großen Plastikkiste mit Deckel relativ einfach selber bauen. 

Ist es eine gute Alternative, Gehege selbst zu bauen?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Definitiv. Eine einfache Möglichkeit ist es, einen handelsüblichen Käfig/Stall dauerhaft zu öffnen und mit einem Gittergehege zu verbinden. Man kann mit gängigen Gitterelementen einen Teil eines Zimmers zur Kaninchenecke umbauen. In so einem Gehege kann man den Tieren gut verschiedene Funktionsbereiche (z.B. Fressen, Fortbewegung, Ruhen, Ausscheidung) anbieten. Im Außenbereich muss der Boden des Geheges gesichert werden, damit das Gehege ein- und ausbruchssicher ist.

Angenommen ein Kaninchen stirbt und man sucht für das Verbliebene einen neuen Kaninchen-Partner. Wie sollte man da am besten vorgehen?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Wenn man auf der Suche nach einem neuen Partner für ein einzelnes Kaninchen ist, kann man z.B. in Tierheimen oder Notvermittlungsstellen suchen. Es ist meist von Vorteil,  annähernd gleichaltrige Tiere zu vergesellschaften. Ein kastrierter Rammler und ein Weibchen stellen die ideale Kombination dar. Zwei kastrierte Rammler sind auch möglich, zwei Weibchen sind zumeist problematisch. Auch der Vergesellschaftungsort ist wichtig – optimal ist ein den Tieren unbekannter, neutraler Raum mit genügend Platz und Rückzugsmöglichkeiten. Auch muss man die Kaninchen bei der Vergesellschaftung immer überwachen, um gegebenenfalls rasch eingreifen zu können.

Meerschweinchen Foto: © Laura Liebhart

Welche Fehler werden bei der Meerschweinchen-Haltung gemacht?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Die häufigsten Fehler in der Meerschweinchenhaltung sind ähnlich jenen bei der Kaninchenhaltung: zu wenig Platz, zu wenig Rückzugsmöglichkeiten, Haltung gemeinsam mit einem Kaninchen, falsche Ernährung, häufiges Streicheln und Hochheben durch Menschen. 

Was brauchen Meerschweinchen, damit sie sich wohlfühlen?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Meerschweinchen brauchen andere Meerschweinchen. Es sind hochsoziale Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten und Lautsprache. Trotzdem suchen Meerschweinchen im Normalfall keinen Körperkontakt zu Artgenossen, d.h. sie kuscheln normalerweise nicht miteinander und betreiben auch keine gegenseitige Fellpflege. Daher ist davon auszugehen, dass die meisten Meerschweinchen auch von Menschen nicht angefasst und hochgehoben werden wollen.

 Was sollten bereits Kinder über die Körpersprache von Meerschweinchen wissen?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Meerschweinchen kuscheln nicht miteinander. Sie mögen keinen engen Körperkontakt, sie halten gerne Abstand zueinander. Wenn die Tiere eng beieinander kauern, haben sie entweder zu wenig Platz oder sie fürchten sich. Meerschweinchen, die ganz starr sitzen, haben unter Umständen Angst. Oft kann man dann auch das Weiße im Augenwinkel in den geweiteten Augen sehen.

Was können Sie Eltern empfehlen, deren Kinder sich  Meerschweinchen oder Kaninchen wünschen?

Dr. Claudia Schmied-Wagner: Meerschweinchen und Kaninchen sind nicht die optimalen „Streicheltiere“ für Kinder. Eltern sollten grundsätzlich jede Entscheidung für ein Tier gut überdenken. Auch wenn Kinder die Tiere schon teilweise mitbetreuen können, muss Eltern immer klar sein, dass sie die Hauptverantwortung für die Tierhaltung tragen. Man sollte sich vorab genau über die Haltungsansprüche (Platzbedarf, Sozialverhalten, etc.) des künftigen Mitbewohners informieren, damit man eine tiergerechte Haltung gewährleisten kann. Die Pflege von Tieren braucht Zeit, kostet Geld und die Tiere müssen sieben Tage die Woche versorgt werden, d.h. ihre Betreuung ist auch bei der Urlaubsplanung zu berücksichtigen.

Sie haben am Unterrichtsheft "Versteh die Kaninchen und Meerschweinchen mit dem WELL-KA-HU-KA-MEER-PLOPP" als Expertin mitgearbeitet. Warum sollten die LehrerInnen das Heft im Unterricht durchnehmen?

 Dr. Claudia Schmied-Wagner: Es ist optimal für das Volksschulalter, da Kinder sich in diesem Alter oft Tiere wünschen und Kaninchen und Meerschweinchen noch immer die Klassiker als „Einsteigertiere“ sind. Mit dem Unterrichtsmaterial werden den Kindern die grundlegenden Bedürfnisse von Kaninchen und Meerschweinchen sowie respektvoller Umgang mit den Tieren kindgerecht vermittelt.

Vielen Dank für das Interview!