Interview: Fische bräuchten mehr Tierschutz als Hunde und Katzen

FM Wolfgang Hauer

Gedanken zum unbemerkte Sterben in Flüssen und Bächen

Mit Fischereimeister (FM) Wolfgang Hauer vom Institut für Gewässerökologie, Fischereibiologie und Seenkunde in Mondsee sprach Mag. Daniela Lipka

Was kann mit Flussfischen passieren, wenn ich eine Schifffahrt mache? 

FM Hauer: An Wasserstraßen wie Donau, Inn und Salzach ist der Wellenschlag ein echtes Problem. Die großen Passagierschiffe verursachen starke und vor allem plötzlich auftretende Wellen. Die Jungfische, die sich im seichten Uferbereich aufhalten, werden ans Ufer geschleudert und ersticken dort. Mit ihnen verenden auch Kleinkrebse und Insektenlarven, die eine wichtige Nahrung für Jungfische darstellen. Dieses Phänomen gibt es auch an Seen mit Motorbootverkehr wie etwa dem Attersee und Traunsee. Auch dort halten sich die Jungfische im seichten Wasser auf. An vielen großen Seen sind die natürlichen Ufer verschwunden, und durch Mauern ersetzt worden. Diese senkrechten Mauern verhindern das Auslaufen der Wellen und werfen sie wieder zurück. Das ist mit ein Grund, warum die Schilfbestände rückläufig sind. Flach auslaufende Ufer mit Schilfbestand wären aber der bevorzugte Lebensraum von Jungfischen.

 

So sollte der Lebensraum der Bachforelle aussehen. Foto: Copyright: Wolfgang Hauer

Was beeinträchtigt das Leben der Flussfische noch?

FM Hauer: Der Verlust von intakten Fließstrecken. Viele Fischarten brauchen zum Leben und zur Fortpflanzung sauberen Kiesgrund und strömendes Wasser. Durch die Errichtung von Wasserkraftwerken kommt es zwangsläufig zu weitläufigen Staubereichen. Durch die fehlende Strömung lagern sich dort im Laufe der Zeit riesige Mengen Schlamm ab. Für viele Fischarten sind diese Bereiche als Lebensraum dadurch für immer verloren.

Um diese Wasserkraftwerke effizient betreiben zu können, müssen solche Stauräume alle paar Jahre gespült werden. Dadurch geraten tausende Tonnen des abgelagerten Schlammes plötzlich in Bewegung. Man kann sich vorstellen, wie es den Fischen in einer Flutwelle aus Wasser und Schlamm ergeht. Besonders betroffen sind die Jungfische, deren empfindliche Kiemen vom Schlamm verklebt werden und die dann qualvoll ersticken. Aber auch die Kleinlebewesen, die den Fischen als Nahrung dienen, wie Krebse, Würmer und Insektenlarven verenden zu Tausenden in den Schlammfluten einer Stauraumspülung.

Schlamm-Massen bei einer Stauraumspülung
Foto: Copyright: Wolfgang Hauer

Sie sind Fischer. Lässt sich Tierschutz mit Angeln vereinbaren?

FM Hauer: Grundsätzlich ja, solange es weidgerecht ausgeübt wird. Das bedeutet, dass die möglichst schonende Behandlung der gefangenen Fische im Vordergrund steht. Ob ein Fisch nach dem Fang zurückgesetzt wird, wie das z.B. bei großen Karpfen oft passiert, oder als erstklassiges Lebensmittel in der Pfanne landet, bleibt innerhalb der gesetzlichen Vorgaben dem Angler selbst überlassen. Einen professionellen Angler erkennt man am schonenden Umgang mit den Fischen.  Das sog. Catch and Release (Fangen und Freilassen) ist für Fische zweifelsohne kein Spaß, dennoch macht es Sinn, wenn wertvolle Mutterfische unversehrt ins Gewässer zurücksetzt werden, um den Gesamtbestand zu sichern. Andererseits gehört auch das schnelle Töten von Fischen für den eigenen Verzehr zur Angelfischerei dazu.

Gibt es etwas, dass Sie bei der Tierschutzdiskussion gar nicht mögen?

FM Hauer: Pauschale Verurteilungen ohne die Hintergründe zu kennen, lehne ich ab. Wenn man zum Beispiel für das Verschwinden mancher Tierarten alleine die Jäger verantwortlich macht, ohne die tatsächlichen Ursachen zu kennen.  Aber auf der anderen Seite auch jene Pauschalurteile von Anglern, die dem Fischotter die alleinige Schuld am Rückgang der Fischbestände geben.

Die Wahrheit bei Problemen im Tier- und Artenschutz liegt für mich meist dazwischen. Oft sind Ursache und Auswirkung so weit auseinander, dass der Zusammenhang nur schwer zu erkennen ist.  Das beinahe völlige Verschwinden der Fischotter vor einigen Jahrzehnten hatte weniger mit der Bejagung zu tun, als damit, dass die Fische mit Schwermetallen angereichert waren. Das hat die Fruchtbarkeit der Fischotter verringert. Oft sind es unscheinbare Faktoren, die große Wirkung haben. 

Wenn z.B. auf einer Wiese Gülle ausgebracht  wird, kann es passieren, dass etwas davon in kleine Bäche gelangt. Dort gibt es vielleicht gar keine Fische, sondern „nur“ Steinkrebse und die Larven des Feuersalamanders. Diese verenden dann qualvoll und völlig unbemerkt. Erst wenn der Bach groß genug ist, um Fische zu beherbergen, werden solche Gewässerverschmutzungen bemerkt, weil die toten Fische an der Wasseroberfläche treiben. Unsachgemäße Gülle-Ausbringung in der Nähe von Gewässern ist heutzutage eine der Hauptursachen für massenhaftes Sterben von Fischen, Krebsen und anderen aquatischen Lebewesen. Dennoch passieren solche folgenschweren Ereignisse immer wieder.

Für viele Streitgespräche sorgt der Kormoran, der den Fischen angeblich so zusetzt. Was ist so schlimm, wenn Vögel Fische fressen?

FM Hauer: Kormorane waren früher in Österreich nur an einigen wenigen Augewässern zu finden, wo es viele Weißfische gegeben hat. Diese Fische können sich schnell vermehren und ihr Bestand hat sich schnell wieder regeneriert. Seit einigen Jahren sind Kormorane auch an anderen, wesentlich sensibleren Gewässern zu finden. Es gibt Anhaltspunkte, dass die rasante Ausbreitung fischfressender Vögel etwas mit dem Klimawandel zu tun hat. Viele unserer Fischbestände sind bereits durch menschlich bedingte Faktoren wie z.B. Gewässerverbauungen geschwächt. Kormorane können die Fischbestände in manchen Gewässern auslöschen.

Roter Sumpfkrebs Foto: © Mike Murphy/wikipedia

Also ein Problem, das ursächlich wieder menschlich bedingt ist. Kann jede/r von uns etwas im Kleinen tun? 

FM Hauer: Ja, zum Beispiel im eigenen Garten oder Aquarium. Es hat absolut nichts mit Tierschutz zu tun, wenn nicht heimische Tiere (wie z.B.  amerikanische Krebsarten, oder invasive Fischarten wie etwa Zwergwelse usw.) im Gartenteich besetzt werden und bei der nächst besten Gelegenheit in den nächsten Bach oder See abwandern, oder dorthin ausgesetzt werden.  Dort können sie ökologische Katastrophen auslösen von denen der Verursacher nichts mitbekommt. Bei sich selbst mal mit Nachdenken anfangen, wäre wichtig. Es rufen mich viele Leute an, die Probleme mit ihrem Gartenteich haben. Ich frage sie als Erstes: „Wie groß ist der Teich, welche und wie viele Fische sind drinnen?“ Meist wissen das die Leute gar nicht. Sie kaufen im Baumarkt ein, was ihnen gefällt.

Zum Beispiel der rote amerikanische Sumpfkrebs, der sieht zwar schön aus, überträgt aber die Krebspest, an der unsere heimischen Krebsarten wie etwa der Edelkrebs sterben. Wenn so ein amerikanischer Krebs ins nächste Bächlein abwandert, kann er dort den gesamten heimischen Krebsbestand ausrotten. Ähnliches gilt für Zierfische, die eigentlich ins Aquarium gehören, Goldfische, amerikanische Zwergwelse, Blaubandbärblinge usw. werden beim nächsten Hochwasser aus dem Teich gespült und bringen die Wildtiere in Bächen und Seen in arge Bedrängnis. 

Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern zum Abschluss sagen?

Tierschutz ist stark auf Haustiere fokussiert. Natürlich geht es einem persönlich nahe, wenn die eigene Katze auf der Straße überfahren wird. Dabei vergessen wir aber, wie viele Wildtiere täglich im Straßenverkehr getötet werden oder eben ganz unbemerkt durch unseren Lebensstil  und unsere Achtlosigkeit in Flüssen, Bächen und Seen verenden.

Vielen Dank für das Interview.

Mit dem „Tierschutz macht Schule“- Schwerpunkt über Fische und Tierschutz möchten wir zum Nachdenken anregen.