Interview mit Mag. Gerald Benyr: Reptilien verstehen bedeutet ihr Anderssein zu akzeptieren

Mag. Gerald Benyr Foto © Christa Benyr

Mag. Gerald Benyr ist Zoologe und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Tierschutz und Haltung von Amphibien und Reptilien.

Das Gespräch führte Mag. Daniela Lipka vom Verein „Tierschutz macht Schule“.

 

Beim Thema Reptilien wird oft der Begriff „Exoten“ verwendet. Wie finden Sie das?

Mag. Benyr: Das ist ein missverständliches Wort, weil jede und jeder etwas anderes darunter versteht. Auch Meerschweinchen und Katze sind streng genommen Exoten, weil sie ursprünglich aus Südamerika (Meerschweinchen) und Vorderasien (Katze) stammen. Deshalb wäre es mir lieber, wenn wir „Reptilien“ sagen, wenn wir sie meinen.

Was spricht für und was spricht gegen Reptilienhaltung?

Mag. Benyr: Für ein Verbot der Reptilienhaltung gibt es meiner Meinung nach keinen vernünftigen Grund. Für diese Tiere übernimmt man dieselbe Verantwortung wie für Hunde und Katzen. Egal um welche Tierart es sich handelt, solange man ihre essenziellen Bedürfnisse richtig erkennt und erfüllt, wird alles gut gehen, und wenn man ein Tier vernachlässigt, kommt es nicht darauf an, welcher Art es angehört.

Nachzucht des Großen Madagaskar-Taggeckos (Phelsuma grandis) © Gerald Benyr

Welche Schwierigkeiten bei der Reptilienhaltung gibt es?

Mag. Benyr: Tiere, egal welche, sind niemals das Problem, wenn ihre Haltung nicht erfolgreich verläuft, sondern die Schwierigkeiten liegen immer bei den Menschen. Zumeist mangelt es am Wissen und daraus folgend werden die Bedürfnisse der Tiere falsch eingeschätzt. Nicht selten scheitert die Tierhaltung aber auch an den stressigen Lebensbedingungen oder der Unzuverlässigkeit ihrer Besitzerinnen und Besitzer.

Vielleicht ist es für die meisten Menschen schwieriger, sich in die Bedürfnisse einer Echse hineinzuversetzen als in die einer Katze?

Mag. Benyr: Bei Reptilien muss man ihre völlige Andersartigkeit gegenüber uns Menschen akzeptieren. Sie sind von Natur her keine Streicheltiere. Keine Echse streichelt eine andere, und deshalb können sie zärtliche Berührungen nicht als Sympathiekundgebung interpretieren. An sozialen Kontakten mit Menschen sind Reptilien nicht interessiert, und wenn sie eine Beziehung zu ihrer Pflegerin oder ihrem Pfleger aufbauen, dann meist als Hinweis auf eine Nahrungsquelle. Wenn man zur Fütterungszeit an die Scheibe klopft, lernt eine Bartagame rasch: Hier gibt es Futter. Dabei ist es ihr nicht wichtig, wer oder was das Klopfzeichen verursacht.

Junges Dreihorn-Chamäleon (Trioceros jacksonii xantholophus) © Gerald Benyr

Welche Fragen sollten sich verantwortungsvolle Tierhalterinnen und Tierhalter stellen, bevor sie sich für Reptilien entscheiden?

Mag. Benyr: Zuerst: Warum will ich das Tier oder diese Tiere? Will man mit einem Tier angeben oder folgt man einem Modetrend, sind das schlechte Voraussetzungen für eine erfolgreiche Tierhaltung. Weitere wichtige Fragen sind: Besitze ich genug Wissen, Geld und Platz, um dem Tier eine gute Pflege angedeihen zu lassen, und, letztendlich, erlauben meine Lebensumstände eine ausreichende Konstanz in der Pflege? Wenn nur ein Faktor nicht ausreichend erfüllt ist, sollte man besser von der Tierhaltung Abstand nehmen.

Da die Lebenserwartung mancher Reptilien viele Jahrzehnte betragen kann, sollte man sich im Klaren sein, welch langfristige Verantwortung man übernimmt. Auch ist es klug, sich jenseits des gängigen Handelssortiments zu informieren, welche Art am besten zu den eigenen Vorlieben und Möglichkeiten passt. Beispielsweise kommen Menschen, die tagsüber unterwegs und am Abend noch lange aktiv sind, mit nachtaktiven Arten besser zurecht.

Was ist Ihrer Meinung nach die richtige Motivation?

Mag. Benyr: Will ich das Tier beobachten, will ich sein Verhalten erforschen und erfreue ich mich daran auf längere Sicht? Kann ich akzeptieren, dass Reptilien ganz andere Aktivitätsmuster als Säugetiere haben, sich weniger bewegen und viel Zeit in Verstecken verbringen? Bin ich bereit, mir das für den Betrieb eines Terrariums und die Tierpflege nötige Wissen anzueignen? Dazu gehören vor allem Technik (Physik), Chemie, Geografie, Klimatologie, Anatomie, Physiologie, Verhaltenslehre und Ökologie. Das beste Erfolgsrezept für die Haltung von Reptilien ist, ihren Lebensraum genau zu analysieren und dann alle wichtigen Faktoren möglichst genau nachzuahmen. Vor allem am Anfang muss man dazu viel Fachliteratur lesen, aber auch nach jahrelanger Erfahrung ist es wichtig, sich laufend weiterzubilden. Gute Tierhaltung ist in der Regel keine Verdienstmöglichkeit, und man sollte sich diesbezüglich keine falschen Hoffnungen machen. Der Gewinn besteht bei der Reptilienhaltung aus Wissen und faszinierenden Erlebnissen.

Nordamerika-Terrarium mit Erdnatter (Pantherophis obsoletus quadrivittatus) © Gerald Benyr

Wie kann ich mir dieses Wissen aneignen?

Mag. Benyr: Es gibt viele Tierhandlungen, die eine gute Beratung anbieten, aber auch solche, die Schwierigkeiten nicht ansprechen, damit mehr Tiere verkauft werden. Deshalb finde ich es gut, dort Rat einzuholen, wo der Verkauf nicht im Vordergrund steht. Sehr empfehlenswert sind Fachleute, die diese Tiere schon jahrelang halten und züchten. Da kann man davon ausgehen, dass ihre Tierhaltung funktioniert. In jedem Bundesland gibt es mehrere Vereine, die sich mit der Haltung und Zucht von Reptilien befassen und deren Mitglieder einer Anfängerin bzw. einem Anfänger gern bei einem wohlüberlegten Einstieg in dieses Hobby behilflich sind. Den Kontakt kann man am leichtesten über die Website des Österreichischen Verbands für Vivaristik und Ökologie herstellen: www.oevvoe.org. Es gibt auch viele gute Fachbücher, und diese sollten immer die erste Investition sein, die man in jeder Tierhaltung tätigt. Was auf Foren geschrieben steht, ist mit großer Vorsicht zu behandeln. Da vermischen sich hervorragende Informationen mit völligem Unsinn. Wissen braucht man natürlich für jede Art der Tierhaltung, aber bei der Terraristik steht dieser Punkt besonders im Vordergrund. Wenn man genug über Reptilien weiß, ist das Zusammenleben mit diesen Tieren nicht komplizierter als mit konventionelleren Haustieren. Während es mehr Aufwand bedeutet, den künstlichen Lebensraum von Reptilien zu klimatisieren, ist die Gefahr von Verhaltensproblemen extrem gering.

Sie sind Gutachter für Reptilien. Dabei sind Sie auch mit Missständen konfrontiert. Angenommen, Sie hätten einen Wunsch frei?

Mag. Benyr: Es wird immer Menschen geben, die mit der Reptilienhaltung überfordert sind oder die ihre Tiere aufgrund außergewöhnlicher Umstände rasch abgeben müssen. Daher müsste es in jedem Bundesland eine Auffangstation für Reptilien mit der Kompetenz einer wirklich guten Unterbringung und Pflege geben. Dort sollten die Tiere nicht gehortet, sondern möglichst bald und zusammen mit einer ausführlichen Beratung an gute Plätze weitergegeben werden. Es wäre auch schön, wenn mehr Tierschutzorganisationen so, wie es zum Beispiel der Blaue Kreis macht, zur besseren Haltung aller Tiere, also auch der Reptilien, beitragen würden, anstatt nur Haltungsverbote zu fordern.

Soeben geschlüpfte Breitrandschildkröte (Testudo marginata) © Gerald Benyr

Was halten Sie von Reptilienbörsen?

Mag. Benyr: Die Weitergabe von Tieren ist ein unverzichtbarer Bestandteil ihrer Haltung. Börsen sind derzeit ein notwendiges Übel, das seine Existenzberechtigung dem Mangel besserer Alternativen verdankt. Wer die Abschaffung von Reptilienbörsen fordert, aber keinen Ersatz für deren Funktion vorschlägt, handelt gegen die Interessen des Tierschutzes. Sobald es einen legalen und tierschutzfreundlicheren Weg gibt, Reptilien zu verkaufen und zu erwerben, haben Börsen sicher rasch ausgedient. Bis dahin habe ich eine Liste mit 30 Vorschlägen erarbeitet, die in allen Bereichen zu wesentlichen Verbesserungen führen würden, und zum Wohl der Tiere sollten diese, unabhängig davon, ob man Reptilienbörsen langfristig erlauben oder verbieten will, rasch umgesetzt werden.

Vielleicht können sich manche Menschen die Begeisterung für „kalte“ Reptilien nicht vorstellen?

Mag. Benyr: Man kann niemandem vorschreiben, dass er sich für Meerschweinchen interessieren soll, wenn ihm ein Leopardgecko besser gefällt. Wir Menschen sind alle unterschiedlich, deshalb passen wir mit unseren Vorlieben und Charakteren zu ganz verschiedenen Tierarten. Wichtig finde ich, dass wir überhaupt eine Verbindung zu einem Tier spüren. Die mit der Tierhaltung verbundenen Erlebnisse schaffen einen Bezug zu nichtmenschlichen Lebewesen, der hilft, sie zu verstehen, zu achten und zu schützen. Die Verständnislosigkeit vieler Kritikerinnen und Kritiker der Reptilienhaltung geht darauf zurück, dass sie fast nichts über diese Tiere wissen. Zum Glück gibt es aber auch Menschen, die von Reptilien fasziniert sind. Der Wunsch, deren Leben in einem Terrarium zu beobachten, ist ein Ersatz für den nicht mit dem Alltag von Großstadtbewohnerinnen und -bewohnern vereinbaren täglichen Kontakt zur Natur. Diese Verbundenheit sollte man fördern, denn sie ist die Basis des Natur- und Artenschutzes. Wer sich eingehend mit der Klimatisierung eines Terrariums auseinandergesetzt hat, versteht besser als die meisten anderen Menschen, welche drastischen Folgen eine geringe Temperaturerhöhung aufgrund des Klimawandels haben kann.

Weibchen mit Jungtier des Neuguinea-Blauzungenskinks (Tiliqua scincoides chimaerea) © Gerald Benyr

Was unterscheidet Reptilienhalterinnen und -halter von Hundefans?

Mag. Benyr: Der wesentliche Unterschied ergibt sich aus den Herausforderungen des Haltungssystems:Wenn mein Tier im Monsunwald lebt, muss ich wissen, was dieses Biotop charakterisiert und wie ich es nachbilden kann. Von einem Hund können wir mehr über Sozialverhalten lernen. Reptilien zeigen uns, wie die Natur funktioniert.

Vielen Dank für das Interview!